
Am Anfang
Es war so gegen 17.00 Uhr. Beim „Gießener Anzeiger“ war bald Redaktionsschluss. Es wurde also Zeit: Mein Großvater nahm mich bei der Hand und ging mit mir von der „Lichtbildwerkstätte Gruhne“ in Gießens Plockstraße zu Fuß zum „GA“, über den Kanzleiberg zum Hintereingang, am Alten Schloss vorbei, das damals, noch nicht wieder aufgebaut, eine Kriegsruine war. Dann hörte man schon die Rotationsmaschinen rattern, eine alte, eiserne Wendeltreppe führte hinauf zur Setzerei, wo –zu dieser Zeit noch – mit Bleilettern die Seiten gesetzt, und auch schon mal die letzten zwei Zeilen eines Artikels einfach abgeschnitten wurden, wenn‘s partout nicht mehr auf die Seite passen wollte.
An Opas Hand ging es in den großen Redaktionsraum, in dem er die zuvor in der Dunkelkammer abgezogenen Fotos abgeben würde, die am nächsten Tag mit dem Zusatz „Foto: Gruhne“ in der Zeitung erscheinen sollten. Riesige Ungeheuer standen auf den Schreibtischen und dienten zum Tippen der Artikel für die kommende Ausgabe.
Die unterste Schublade am Schreibtisch links war aufgezogen und fungierte als Ablage für den Fuß: Kurt Heinze residierte hier, ein Schreiber mit Herzblut. Dazwischen, irgendwo, ein Flachmann, Zigarrenqualm, Hektik. So kam ich mit dem Journalismus in Berührung. Und der hat mich dann nicht mehr losgelassen.
Wort und Bild: der Journalismus und die Kamera
Beim „GA“ fing ich an (wie auch nicht) zu schreiben, dann kam der Hessische Rundfunk, als freier Mitarbeiter beim „Kulturellen Wort“, die Feuilletons von Darmstädter Echo und Wiesbadener Kurier folgten. Kaum eine Wiesbadener Ausstellung in den Achtzigern, über die ich nicht berichtete.
Der Journalismus also – und das Fotografieren, natürlich: Schließlich war das das Metier meines Großvaters und meines Vaters. Den Laden übernehmen wollte ich aber nicht, denn es gab noch eine andere große Leidenschaft: die Kunstgeschichte!
Studium
Die Nohls, meine Kunstlehrer an der LIO, der Gießener Liebigschule, hatten mich auf’s Gleis gesetzt. Dann kam das Kunstgeschichtsstudium in Gießen: Gottfried Boehm hatte als Ordinarius Joseph Beuys nach Gießen geholt und uns Studenten für das Zeitgenössische begeistert. Dann kam der Wechsel nach Mainz. Dort war Hartmut Biermann – Doyen der italienischen Kunstgeschichte und der feinen Lebensart – das, was man zu Recht einen Doktorvater nennt. Es kam schon mal vor, dass er Babysitter für die Kinder seiner Doktoranden spielte. Mein Dissertationsthema über den italienischen Maler, Kunstkritiker und -theoretiker Carlo Belli (1903-1991) führte mich nach Italien, an das „istituto tedesco“, das deutsche „Kunsthistorische Institut“ in Florenz, an die „Bibliotheca Hertziana“ in Rom, nach Mailand und Rovereto, die Geburtsstadt von Carlo Belli im Trentino. Ich blieb zwei Jahre. „Nicht in Schönheit sterben!“ war dann das Motto, und ich kehrte nach Mainz zurück.
Beim ZDF-Kulturmagazin „aspekte“ fand ich als freier Mitarbeiter eine äußerst passende Heimat, und im damaligen Redaktionsleiter Johannes Willms einen großzügigen Förderer. Die Dissertation lag noch unfertig in der Schublade.
Nach zwei Jahren „aspekte“ lockte das Zweite mit einer Festanstellung in der Pressestelle. Das sicherte mein Auskommen und bot mir die Sicherheit, um die wissenschaftliche Arbeit nicht als lebenslang belastendes „Non-Finito“ im Schreibtisch vergilben zu lassen. Der Studienabschluss in Geschichte und Italianistik mit der Promotion in Kunstgeschichte kam dann 1994: „Carlo Belli und die Utopie von der absoluten Kunst“.
Von 1999 an betreute ich in der Pressestelle die damals „größte Show Europas“, das ZDF-Flaggschiff „Wetten, dass..?“ mit dem (im BILD-Zeitungssprech) „Show-Titanen“ Thomas Gottschalk. Mit seinem Abgang war es auch für mich Zeit, neue Aufgaben zu suchen: Ich wurde CvD Unternehmenskommunikation und später CvD Programmkommunikation. Am Ende meiner beruflichen Laufbahn im ZDF stand – und so schließt sich der Kreis – die Leitung des Teams 3sat/Kultur/Wissenschaft.